Asche des Versagens des Europäischen Humanismus

Ein erster Bericht von Salim Nabi – borderline-lesvos

Mytilini 9. September 2020

Read the original report in English here.

Das Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos brannte fast vollständig nieder und dies war längst überfällig. Es hätte schon vor Jahren niedergebrannt werden sollen – als Geste der Achtung Europas vor dem Recht eines jeden Menschen auf Leben, als Teil des Vermächtnisses des europäischen Humanismus. Doch das Lager wurde ständig erweitert, die Bedingungen verschlechterten sich stetig, und dies alles mit der klaren Zustimmung und Unterstützung Europas für die kontinuierliche Entmenschlichung von Menschen, die vor der europäischen Politik in ihren eigenen Ländern fliehen. Moria sollte in Schutt und Asche gelegt werden, um daran zu erinnern, dass Europa noch viel aus seiner Vergangenheit lernen muss, aus jener Vergangenheit, als nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen von Staatenlosen mit der Forderung nach dem Recht auf Leben aus der Asche des Krieges hervortraten, und was letztlich in die Genfer Flüchtlingskonvention mündete. Bis heute hat Europa nicht das gelernt, was es damals hätte lernen sollen, und das Ergebnis ist nichts weniger als so menschenverachtende Lager wie Moria. Die Asche von Moria an den Grenzen Europas soll uns daran erinnern, dass wir bis heute nicht verstanden haben, welche Verantwortung die Worte Freiheit und Humanismus mit sich bringen, und dass das Recht auf Leben bei weitem nicht mit der Priorität behandelt wird, die es im Vergleich zu nationaler und internationaler Politik und Profiten von Unternehmen haben sollte.

In der Nacht vom 8. auf den 9. September 2020 brach im größten Geflüchtetenlager Europas, dem berüchtigten Moria, ein Feuer aus. Es ist nicht klar, was die Ursache des Feuers war, obwohl griechische Medien und Politiker*innen, darunter auch Premierminister Mitsotakis, sogleich die Geflüchteten und deren Reaktion auf die Gesundheitsmaßnahmen (vollständige Abriegelung des Lagers) als Ursache für das Feuer erklärten. Klar ist aber auch, dass Zeug*innen aus dem Lager angaben, dass es eine Demonstration gegen die Maßnahmen der Regierung gab, auf die die das Lager überwachende Polizei mit Tränengas reagierte. Niemand hat bisher die Frage gestellt, inwiefern eine Tränengasgranate an einem mit Zelten überfüllten Ort ein Feuer auslösen kann. Aber lassen wir das beiseite; dass das Lager niedergebrannt ist, ist Tatsache, und was davon übriggeblieben ist, brennt, während wir diesen Bericht am Mittwochabend, dem 09. September 2020, verfassen.


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Der Brand in Moria war nicht neu, Brände sind dort eine Routineerscheinung. Ein in Moria arbeitender Elektriker sagte einmal: "Wenn hier kein Feuer ausbricht mit all diesen provisorischen elektrischen Leitungen, ist es ein Wunder". Und ein Wunder war es, dass es den Behörden so lange gelungen ist, die "Hölle" am Laufen zu halten, und ein Wunder war es auch, dass es der entmenschlichten Bevölkerung gelungen ist, die für sie entworfene und hergestellte Hölle nicht zu Asche zu verbrennen. Aber, ach, schließlich geschah es. Und natürlich muss ich Sie nicht daran erinnern, dass Menschen, die Moria gut genug kannten, sich immer wieder die Seele aus dem Leib schrieen und mahnten, dass dieses menschenunwürdige Lager eine sich anbahnende Katastrophe sei. Aber all das stieß auf taube Ohren - auf taube Ohren der Politiker*innen, auf taube Ohren der Medien und auf die blinden Augen dessen, was wir so stolz als "Zivilgesellschaft" bezeichnen müssen. Von dieser Zivilisiertheit war in Moria nicht viel zu spüren. Aber was nun?

Seit März 2020, mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie, war das Lager abgeriegelt; angesichts des überfüllten Zustands des Lagers, mangelnder sanitärer Einrichtungen, des Mangels an medizinischer Unterstützung und nicht zuletzt der mangelnden Vorbereitung auf den Ausbruch des Virus, warnten Beobachter*innen die europäische Öffentlichkeit und die Politiker*innen unermüdlich vor der möglichen Katastrophe, dass die Pandemie das Lager erreicht. Aber all diese Warnung und Bitten stießen auf taube Ohren – wiederum von Politiker*innen in Griechenland, die gegen Migrant*innen hetzen und auf deren Rücken ihre Politik machen, von Politiker*innen in ganz Europa, die auf der gleichen Welle von Rassismus und Xenophobie mitreiten, und natürlich von den Medien, die überwiegend mit den Anliegen hasserfüllter Rechter und Corona-Verweigerer*innen beschäftigt sind. Aber die Realität vor Ort war für diejenigen, die dabei waren, offensichtlich: Das Corona-Virus wird irgendwann seinen Weg ins Lager finden und sich dort wie ein wildes Feuer ausbreiten – und wenn das geschieht, wird es nicht mehr aufzuhalten sein.

Dann kam der Alptraum des Jahres 2020 - Covid-19 - in die Lager. In diesem Zusammenhang wurde in Moria eine Quarantänestation für den Fall eingerichtet, dass das Virus auftauchen sollte, und es war im Zusammenhang damit, dass der Protest begann, der dann zu den Bränden führte. Das Feuer verschlang den größten Teil von Moria, und am darauffolgenden Abend, Mittwoch, dem 09. September 2020, brach ein weiteres Feuer aus, das derzeit das verzehrt, was vom Lager übriggeblieben ist. Dies sind in der Zwischenzeit die "Neuigkeiten":

Die mehr als 12.000 Menschen, davon ca. 40% Kinder, die auf der Suche nach einem Zuhause und einem Leben waren und nicht mehr als ein Zelt oder einen Container fanden, sind nach dem Brand nun mit absoluter Obdachlosigkeit konfrontiert; in der akademischen Sprache der Armut bedeutet dies "absolute Armut", wenn man kein Dach über dem Kopf hat.

Am Morgen des 09. September 2020 hielt der griechische Premierminister ein Treffen auf Minister*innenebene ab, um die Situation zu erörtern; unmittelbar nach dem Treffen wurde der "Notstand" für Lesbos ausgerufen. Was die Maßnahmen implizieren und beinhalten ist noch unklar, doch lässt sich daraus ableiten, dass alle Ressourcen des Staates, einschließlich des Militärs und anderer repressiver Maßnahmen, nun der Regierung zur Verfügung stehen, damit sie auf der Insel eingesetzt werden, um dort ihre Ziele zu erreichen. Welche Ziele damit verfolgt werden, bleibt mehr oder weniger klar:

Ab 18:00 Uhr Athener Zeit ist klar, dass vierhundert (400) unbegleitete Minderjährige auf das Festland gebracht werden, und die letzte Meldung vor Ort ist, dass sie teilweise vom Flughafen nach Thessaloniki aufgebrochen sind. Nach Angaben der Behörden werden weitere tausend schutzbedürftige Personen mit Schiffen, einer Handelsfähre und zwei Marineschiffen, auf das Festland gebracht. Die übrigen Einwohner*innen von Moria werden Zelte erhalten, was den Wiederaufbau Morias bedeutet.
Der Wiederaufbau von Moria bedeutet jedoch die Konstruktion einer völlig geschlossenen Struktur. Bereits im Februar 2020 versuchte Athen, ein geschlossenes Lager im Norden von Lesbos zu errichten, was auf den erbitterten Widerstand der lokalen Bevölkerung stieß. Doch unter dem Vorwand von Covid-19 machte die derzeitige Regierung schnell den Schritt, Moria bis zum 2. November 2020 in ein vollständig geschlossenes Lager zu verwandeln – und nun, auf der Asche der "Hölle Europas", glaubt die Regierung in Athen die Legitimität für ihre geschlossenen Lager gefunden zu haben.

Allerdings hat die einheimische Bevölkerung, wenn auch mit starken migrantenfeindlichen Gefühlen, bereits begonnen, gegen die Wiedereröffnung Morias oder die Errichtung neuer Lager zu mobilisieren. Dennoch bleibt unklar, was Widerstand gegen die Politik und die Pläne der Regierung unter den Bedingungen des Ausnahmezustands bedeuten kann, da der Ausnahmezustand der Regierung per Definition Befugnisse verleiht, die ihr unter "normalen" Umständen gesetzlich nicht zustehen. Eines ist jedoch klar: Unter Umständen, in denen die nationale Regierung und die lokalen Behörden zum Krieg gegen Migrant*innen trommeln, werden sich rechtsextreme Elemente immer ermächtigt fühlen. Auf Lesbos ist dies nicht anders. Nach dem Brand wurden Geflüchtete, Mitarbeiter*innen von NGOs, Freiwillige und andere Personen, die versuchten, den Geflüchteten auf der Flucht vor dem Feuer zu helfen, von solch rechtsextremen „Bürgerwehren“ angegriffen. In den kommenden Tagen und Wochen ist, wie auch nach den Unruhen vom Februar 2020, mit einer Zunahme der Angriffe auf alle Nichtgriech*innen und alle Griech*innen, die für eine NGO arbeiten oder sich mit den Geflüchteten solidarisieren, zu rechnen.

Und zum Schicksal der Bewohner*innen von Moria gibt es nur eines zu sagen: Moria soll nie wieder geöffnet werden; ihre Asche soll als Erinnerung an das Scheitern des europäischen Humanismus in fünf aufeinander folgenden Jahren dienen; und nicht zuletzt müssen alle Geflüchtete im Geiste der gemeinsamen Verantwortung der EU in die verschiedenen europäischen Länder überführt werden, sonst hat Europa bereits seinen Rücktritt von seinen Ansprüchen auf Solidarität und Humanismus unterzeichnet. Evakuiert die Geflüchtetenlager auf den Inseln!

Dieser Text ist im Original auf Englisch und wurde nachträglich ins Deutsche übersetzt.