Aufrüstung per Algorithmus: Die neue Dimension der EU-Grenzüberwachung
Im Zeitalter des Techno-Autoritarismus: Warum wir über KI und digitale Überwachung sprechen müssen
Die Nutzung von KI ist weitreichend und erstreckt sich auf alle Lebensbereiche. Worüber nicht viel geredet wird, ist, wie KI für die innerstaatliche Überwachung und Kontrolle an den Grenzen benutzt wird. Die technologischen Möglichkeiten bieten nun so umfangreiche und erweiterte Kapazitäten, dass Massenüberwachung und die Auswertung von Daten kein Problem mehr darstellen. Statt Stacheldraht, Grenzpolizei und hohen Zäunen werden nebenher Maßnahmen im Schatten vorbereitet, um sämtliche Aktivitäten genauestens zu kontrollieren. Große Datenmengen, Algorithmen, Biometrie, Drohnen, KI und Kameras sind heute die neue Grundausstattung, um hilfsbedürftige Menschen an den Grenzen abzuweisen oder gar nicht erst ankommen zu lassen.
Unter dem Deckmantel der nationalen „Sicherheit“ agieren nationale Sicherheitsbehörden und Grenzschutzagenturen wie Frontex am Rande der Legalität und darüber hinaus. Nicht nur betrifft es die Menschen an den Grenzen, sondern auch unsere eigene Zukunft und das Risiko, in eine immer weiter technologieabhängigere Abwärtsspirale zu kommen, in der die Vorstellung des allsehenden „Big Brother“ nicht mehr länger Fiktion ist. Das Problem? Diese Systeme agieren oft im Verborgenen und oft ohne jegliche öffentliche Transparenz. Sie werden an Gruppen getestet und eingesetzt, die nichts davon wissen und nichts von der Technik verstehen, was kategorisch ein Einverständnis ausschließt, bevor überhaupt klare Grundrechtsschutz-Mechanismen eingreifen. Damit verschieben die Akteure ihre beauftragte Verantwortung auf datenbasierte Algorithmen und Maschinen und machen Menschenrechtsverletzungen – wie illegale Pushbacks – für die Öffentlichkeit noch schwerer dokumentierbar.
Als borderline-europe beobachten wir die Entwicklungen an den EU-Außengrenzen seit vielen Jahren vor Ort in Berlin und Palermo, Italien, und setzen uns effektiv dafür ein, dass die Menschen auf die menschenrechtswidrige Behandlung an den EU-Grenzen aufmerksam werden. Um das europäische Grenzregime effektiv zu kritisieren, müssen wir heute auch dort hinschauen, wo Technologie als Werkzeug der Abschottung eingesetzt wird.
Unsere Beitragsreihe: „Aufrüstung per Algorithmus“
In den kommenden Wochen beleuchten wir in einer mehrteiligen Recherche-Serie die Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Überwachungstechnologie, Grenzpolitik, Migration und Menschenrechten:
- Teil 1: Die gläserne Außengrenze – Drohnen, Sensoren & wie Überwachung illegale Pushbacks unsichtbar macht.
- Teil 2: Eurodac & die Vermessung des Körpers – Biometrie-Erfassung und Datenkraken an den Grenzen.
- Teil 3: Grenzen exportieren per Code – Wie die EU digitale Überwachung in Drittstaaten (Tunesien, Niger etc.) verlagert.
- Teil 4: Der EU AI Act – Das Versprechen von Grundrechtsschutz vs. die Freifahrscheine für Sicherheitsbehörden.
- Teil 5: Geschäft mit der Angst – Die Sicherheitsindustrie, EU-Gelder und das Geschäft mit Grenz-KI.
- Teil 6: KI im deutschen/italienischen Asylverfahren – Sprachanalysen, Handyauslesung und die Schwächen von Algorithmen beim BAMF.
- Teil 7: Die automatisierte Binnengrenze – Predictive Policing, automatisierte Kontrollen & Racial Profiling in Deutschland.
- Teil 8: Konklusion und zukünftige Aussichten – Wie die Zivilgesellschaft mit Open-Source-Tools und Gegenüberwachung zurückschlägt.
Begleitet uns ab dieser Woche jeden Donnerstag auf unserer Website sowie auf unseren Social-Media-Kanälen. Verfolgt die Beiträge, teilt die Analysen und helft uns, Licht in die digitalen Schatten der europäischen Grenzpolitik zu bringen.
Teil 1: Über Land, Meer und Himmel: Wie Drohnen die neuen Grenzen vorantreiben
Anstatt in physische Grenzmauern zu investieren, liegt der Fokus zunehmend auf präventiven Maßnahmen und der zunehmenden Verwischung der EU-Außengrenzen. Welche Auswirkungen hat dies auf die Zukunft, und kommen wir einer techno-orientierten Überwachungsstaatlichkeit immer näher?
25. August 2026
Autor: Christopher Chen
Einleitung
Um diese mehrteilige Serie einzuleiten, wurden einige Gedanken zu ihrer Struktur angestellt. Bei einem derart weitreichenden Thema, das Migrationspolitik, digitale Überwachung, Menschenrechtsverletzungen und vieles mehr umfasst, ist es schwierig, überhaupt einen Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit diesem gewaltigen Themenkomplex zu finden, der Millionen Menschenleben und enorme Summen für Technologien umfasst. Betrachtet man das Thema jedoch aus einer Insider-perspektive, wird die Struktur durchaus deutlich. Es erscheint am sinnvollsten, mit der Perspektive der unmittelbar Betroffenen zu beginnen: den Geflüchteten.
Wir folgen ihrem Weg bis zur Grenze, wo der Prozess der Datenerhebung und -verarbeitung bereits beginnt, noch bevor sie überhaupt Land betreten, da die Grenzen weit über das hinaus verschoben und ausgeweitet wurden, was sie eigentlich sind. Anschließend werden alle erdenklichen Formen personenbezogener Daten erfasst und für eine spätere Nutzung durch Grenzbehörden und den Staat gespeichert, bis wir schließlich in Deutschland ankommen, einem der führenden europäischen Länder im Bereich der digitalen Überwachung und digitalen Grenzkontrolle.
Dort können wir den gesamten Hintergrund und die inneren Funktionsweisen dieser techno-geopolitischen Systeme betrachten, bei denen „nationale Sicherheit“ als Verkaufsargument dient – zum einen, um eine stärkere staatliche Autorität zu rechtfertigen, und zum anderen, damit Technologieunternehmen ihre wirtschaftliche Verwertung weiter vorantreiben können, alles unter dem Deckmantel und dem Vorwand technologischer Innovation und Verbesserung.
Drohnen…, Drohnen…, Drohnen sind überall!
Egal, wo man als Geflüchteter aufbricht, um ein besseres Leben und bessere Chancen zu finden, muss man ein Transportmittel wählen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Da die Möglichkeiten begrenzt sind, führen die gängigsten Wege meist über das Meer oder über Land. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Staaten und Behörden ihren Fokus zunehmend von einer bloßen Verstärkung traditioneller Grenzkontrollen auf präventive Maßnahmen, technologische Überwachung und die Externalisierung von Grenzkontrollen verlagert haben. (Bundeszentrale für politische Bildung, 2025; Metcalfe et al., 2023).
In der Regel beinhaltet dies den Einsatz hochentwickelter, unbemannter Fahrzeuge wie Drohnen. Ihre technischen Fähigkeiten haben sich in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt, insbesondere in Verbindung mit den Fortschritten im Bereich der KI, die sie zunehmend automatisiert und unabhängig machen können.
Laut Christian Kaiser, einem deutschen Drohnenhersteller, der von der Deutschen Welle interviewt wurde, können Formen der Einheitenkoordination, Schwarmformationen und autonome Operationen zunehmend von Leitstellen aus gesteuert oder durch spezifische Prompts automatisiert werden, um Fluchtmuster zu analysieren (Deutsche Welle, n.d.). Die Formen und Gestalten dieser Systeme sind längst nicht mehr durch die technischen Grenzen eingeschränkt, die konventionelle Drohnen traditionell definierten.
Fähigkeiten
Neben Luftüberwachungsplattformen wie der Heron 1 werden unbemannte Luftfahrzeuge zunehmend zur Grenzüberwachung eingesetzt. Frontex hat beispielsweise unbemannte Luftfahrzeuge eingesetzt, um Griechenland bei der Grenzkontrolle und der Überwachung vor der eigentlichen EU-Grenze im östlichen Mittelmeer zu unterstützen. Diese Luftfahrzeuge können mit Wärmebildkameras und Radar ausgestattet sein und Live-Videos sowie andere Informationen in Echtzeit an das Frontex-Hauptquartier übertragen (Bundeswehr, 2019; Frontex, 2022).
Auch aquatische und getarnte stationäre Modelle in Form von Solartürmen oder Felsen werden zunehmend fortschrittlicher und leistungsfähiger bei der Erfassung und Verarbeitung von Daten mithilfe von KI (Heinrich-Böll-Stiftung, 2024). Auf diese Weise wird die Reichweite der Grenzüberwachung bereits ausgeweitet, ohne dass sich die Einsatzkräfte physisch vor Ort befinden müssen, wodurch diese präventiv alarmiert werden können.
KI- und datenbasierte Systeme sind zunehmend in die europäischen Grenzinfrastrukturen eingebettet und ermöglichen die Überwachung, Identifizierung und Vorhersage von Migrationsbewegungen (Bundeszentrale für politische Bildung, 2025; Metcalfe et al., 2023).
Ausgestattet mit Wärmebildkameras, Gesichtserkennung und Software zur Bewegungserkennung können solche Systeme über große Gebiete und mit relativ wenig direkter menschlicher Präsenz eingesetzt werden, wodurch sie zunehmend effiziente Instrumente der Grenzüberwachung darstellen. Diese technologische Infrastruktur kann zudem Praktiken wie Pushbacks oder das Abfangen von Menschen ermöglichen, bevor diese europäisches Territorium erreichen, was erhebliche menschenrechtliche und rechtliche Bedenken aufwirft (Heinrich-Böll-Stiftung, 2024; Metcalfe et al., 2023).
Unter normalen Umständen sind Staaten und Schiffe nach Artikel 98 des UNCLOS und dem SOLAS-Übereinkommen rechtlich verpflichtet, Personen in Seenot Hilfe zu leisten (International Maritime Organization [IMO], 1974; United Nations, 1982). Die Nachfrage richtet sich daher nicht mehr nur auf die Erkennung und Identifizierung von Geflüchteten, sondern zunehmend auch auf deren Abfangen. Die Kombination dieser Fähigkeiten mit KI ermöglicht Echtzeit-Kamerabilder, Radar und Bewegungserkennung und schafft damit die Grundlage für Überwachung lange vor dem Erreichen einer Küste – beginnend in dem Moment, in dem Menschen ein Boot betreten oder ihren ersten Schritt machen.
Die Verschiebung der Grenzen ins Niemandsland
Mit all diesen Fortschritten nehmen Grenzen eine völlig neue Dimension an. Sie sind nicht länger auf Land, Meer oder Himmel beschränkt, sondern erstrecken sich überall dorthin, wo Staaten sie haben wollen – sogar in den digitalen Raum. Die Entwicklung sogenannter „smarter Grenzen“ verbindet zunehmend Überwachungstechnologien, Dateninfrastrukturen, KI und externalisierte Formen der Grenzkontrolle (Metcalfe et al., 2023).
All diese Überwachung wird Migration jedoch nicht vollständig stoppen. Stattdessen kann sie Geflüchtete auf gefährlichere Routen drängen und sie dazu zwingen, größere Risiken einzugehen, wodurch sie ihr Leben gefährden. Die Migrations- und Menschenrechtsanwältin Petra Molnar hat vor den menschenrechtlichen Folgen einer zunehmend technologisierten Grenzkontrolle gewarnt. Auch die Forschung zu Europas smarten Grenzen hebt die Risiken hervor, die durch zunehmend restriktive und technologisch vermittelte Migrationskontrollen entstehen (Deutsche Welle, n.d.; Metcalfe et al., 2023).
Damit stellt sich die Frage: Warum tut die EU das? Die Antwort darauf ist äußerst vielschichtig und wird in den folgenden Teilen weiter behandelt werden, um am Ende hoffentlich eine zufriedenstellende und kontextualisierte Antwort zu liefern. Zunächst kann man es jedoch als eine Art „Nichts sehen, nichts hören“ betrachten.
Wenn Geflüchtete abgefangen werden, bevor sie EU-Territorium erreichen – im Luftraum oder auf hoher See –, verringert sich ihre Möglichkeit, Zugang zum europäischen Asylsystem zu erhalten, erheblich. Dadurch können EU-Mitgliedstaaten einen Teil der Verantwortung für die Migrationskontrolle externalisieren, da die rechtliche und politische Verantwortung schwerer zuzuordnen ist, wenn das Abfangen außerhalb des EU-Territoriums stattfindet (Metcalfe et al., 2023).
Stattdessen wird die Verantwortung zunehmend auf Drittstaaten wie Libyen übertragen, die europäische politische und operative Unterstützung bei der Migrationskontrolle erhalten. Aktuelle Berichte dokumentieren eine zunehmende europäische Zusammenarbeit mit Akteuren im Osten Libyens, während die Vereinten Nationen weit verbreitete und systematische Menschenrechtsverletzungen gegenüber Migranten, Asylsuchenden und Geflüchteten im Land dokumentiert haben (Antoniadis et al., 2026; Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights [OHCHR] & United Nations Support Mission in Libya [UNSMIL], 2026). Auf diese Weise können europäische Staaten ihr gutes Image bewahren und sich gewissermaßen „nicht die Hände schmutzig machen“.
Fazit
Drohnen sind zu einem beliebten Instrument für politische Zwecke geworden. Wie im Krieg dominieren Drohnen bei ihren vorgesehenen Einsatzmöglichkeiten und werden den Menschen letztlich schrittweise aus der Gleichung nehmen. In diesem Fall reduzieren sie Menschen auf bloße Bedrohungspunkte auf einem Bildschirm und machen sie für politische Entscheidungsträger unsichtbar, wodurch sie im Vergleich zu anderen Menschen unverhältnismäßig behandelt werden. Zudem kommt hinzu, dass die konstante Präsens und Geräusche Druck und Unbehagen bei den Betroffenen auslöst.
Im zweiten Teil beschäftigen wir uns damit, was am Boden passiert: wie biometrische Gesichtsscans, Gesichtserkennung und die Erfassung privater Daten bei der Ankunft an der Grenze eingesetzt werden.
Literaturverzeichnis
Antoniadis, N., Lüdke, S., & Haidar, A. (2026, 19. August). How Europe is bowing to a Libyan warlord on migration. DER SPIEGEL.
Bundeswehr. (2019, 13. November). Die Drohne Heron 1 – lautlose Aufklärung aus der Luft. https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/drohne-heron-1
Bundeszentrale für politische Bildung. (2025, 4. September). Artificial intelligence in migration management: Opportunities, challenges, and risks. https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/570380/artificial-intelligence-in-migration-management/
Deutsche Welle. (n.d.). How much can AI improve border control security?
Frontex. (2022, 11. Juli). Frontex deploys unmanned aircraft to support Greece with border control. https://prd.frontex.europa.eu/wp-content/uploads/220711-frontex-deploys-unmanned-aircraft-to-support-greece-with-border-control.pdf
Heinrich-Böll-Stiftung. (2024, 8. August). The hidden border security-industrial complex. https://us.boell.org/en/2024/08/08/hidden-border-security-industrial-complex
International Maritime Organization. (1974). International Convention for the Safety of Life at Sea (SOLAS), 1974. https://www.imo.org/
Metcalfe, P., Dencik, L., Chelioudakis, E., & van Eerd, B. (2023). Risking lives: Smart borders, private interests and AI policy in Europe. Data Justice Lab.
Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights, & United Nations Support Mission in Libya. (2026). Business as usual: Human rights violations and abuses against migrants, asylum seekers and refugees in Libya. OHCHR.
United Nations. (1982). United Nations Convention on the Law of the Sea. https://www.un.org/depts/los/convention_agreements/texts/unclos/unclos_e.pdf
