Sudan: Dokumentation von 'enforced disappearances'

Unsere Arbeit

borderline europe - Menschenrechte ohne Grenzen und das ACJPS (African Centre for Justice and Peace Studies) haben nur wenige Wochen vor Beginn des Krieges im Sudan mit dem Aufbau einer Datenbank begonnen. Trotz enormer Schwierigkeiten aufgrund von Strom- und Internetausfällen konnten wir die Datenbank programmieren und Beobachter*innen, die meisten von ihnen vor Ort im Sudan, in den Bereichen Forced Disappearances und Dateneingabe schulen.  Als sich die Gräueltaten und das Verschwindenlassen häuften, konnte die Dokumentation sofort beginnen. Bis heute wurden mehr als 700 Fälle von gewaltsamem Verschwindenlassen dokumentiert. 2025 haben wir ein Projekt mit ACJPS durchgeführt, in denen Diskussion und Dialogforen zu lokalen Friedensinitiativen gefördert wurden, in denen die Dokumentationen von Menschenrechtsverletzungen zur Aufklärung genutzt wurden. 

Hintergrund

Was hat die Externalisierung der EU Grenzen in den Sudan mit dem Ausbruch des Krieges zu tun? Mit dem sog. Karthoum-Prozess (siehe auch hier) wurde die EU-Aussengrenze ausgelagert, in die Türkei und neuerdings Tunesien und Ägypten. Im Sudan wurde die Schließung der Grenzen durch Diktator El Bashir und seinen Erfüllungsgehilfen Hemetti ermöglicht. Wir arbeiten mit dem Africa Center for Justice and Peace Studies an der Dokumentation von Fällen von verschwundenen Aktivist*innen und Migrant*innen.

 

Welche Rolle spielt die Externalisierung der EU Grenzen für den Bürgerkrieg im Sudan? 

Ohne Gelder der EU hätte der Milizenführer Hemetti nie die Stärke erreicht, um das Militär und die sudanesische Regierung herauszufordern. Am 15. April 2023 begann der Krieg zwischen Militär und Miliz im Sudan. Der Krieg hat mehr als zwölf Millionen Menschen vertrieben, in die Flucht geschlagen, die Kriegstreiber haben Tausende von Menschen getötet, Frauen vergewaltigt und  versklavt. Was hier unvorstellbar klingt, ist im Sudan bitterer Alltag.

General Hemetti war einst der Milizenführer, der mit seinen "Janjaweed-Truppen" in Dafur unsägliche Massaker und Vertreibungen verübt hat. Es ist jetzt gut 20 Jahre her, dass die Welt den  Völkermord in Dafur verurteilte. Die Europäische Union hatte eine neue Beschäftigung für den Milizenführer: Hemetti sollte Flüchtenden und Migrant*innen die Route nach Norden, Richtung Mittelmeer, blockieren. Er wurde aufgerüstet und finanziell unterstützt. Mittlerweile hat er eine solide Wirtschaftsbasis: Verkauf und Verleih von Söldnern, Schutz von Goldminen gemeinsam mit den Wagnertruppen.

Seine 10.000 köpfige Truppen sind effektive Bodentruppen, geübt im Häuserkampf. Zum Zeitpunkt des Putsches 2021 war er so stark, dass er zum zweiten Mann im Staate avancierte, vor nun vier Jahren als das Militär der Revolution ein Ende setzte. Der Krieg im Sudan brach aus, als Hemetti seine Machtbasis, seine Truppen, in die Regierungstruppen eingliedern sollte. Auf Druck der EU  Sonderbeauftragten und des UN-Sonderbeauftragten, beide ehemalige Beschäftigte der Deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik, eine Art Think Tank der Bundesregierung. Der Rahmenvertrag für diesen Übergang  wurde vom Max Planck Institut mitgestaltet. Schlecht gelaufen, könnte man sagen. Dieser Rahmenvertrag hat die Zivilgesellschaft ausgeschlossen, die Rolle der  Zivilgesellschaft für eine friedliche Transition ignoriert. Nun kämpfen die Kombattanten auf Kosten der Bevölkerung, nehmen sie in Geiselhaft, vertreiben sie aus ihren Wohnungen und Stadtvierteln, verüben Greueltaten, töten und vergewaltigen.  

 

Die Aufrüstung von General Hemetti ist damit eine "Root Cause", die zu einem Krieg geführt hat, der bisher mehr als sechs Millionen Menschen aus dem Land getrieben hat und zu etwa genauso vielen Binnenvertriebenen geführt hat, die in weniger betroffene Regionen geflohen sind. Im Krieg im Sudan gilt: Solidarität mit der Zivilbevölkerung und den Revolutionären ist kein Nice-to- have, sondern europäische Verantwortung, angesichts der Unterstützung die Hemetti aus Europa erhalten hat - auch angesichts des Versagens der internationalen Organisationen von UNMISS bis EU Special Envoyée und der deutschen Fachberater*innen, die den zivilen, friedlichen Kräften keine Chance gegeben haben.   

Wir arbeiten mit dem Africa Center for Justice and Peace Studies an der Dokumentation von Fällen von verschwundenen Aktivist*innen und Migrant*innen.

Weiterführende Informationen finden sich in unseren Publikationen zur Situation im Sudan: 

Sudan - the forgotten war

Die Torwächter der Europäischen Union: Der Sudan nach El-Bashir

Weitere Hintergrundinformationen finden sich hier: 

Aktuelle Projekte

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