Wir solidarisieren uns mit Gian Andrea Franchi und Lorena Fornasir

von Yasmin Chreiteh

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+++ Update +++ Am 25. Juli 2021 erhebt die Staatsanwaltschaft offiziell Klage wegen organisierter "Beihilfe zur illegalen Einreise" und zum "illegalen Aufenthalt" mit den erschwerenden Umständen des Handelns aus Profitstreben und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung gegen das Paar.

Am Morgen des 23. Februars 2021 führte ein Sonderkommando der italienischen Staatspolizei eine Razzia im Haus von Lorena Fornasir, einer 68-jährigen Psychotherapeutin, und Gian Andrea Franchi, einem 84-jährigen ehemaligen Philosophielehrer, durch.

Seit Jahren setzen sich beide in der Hafenstadt Trieste, Italien, für die Rechte Geflüchteter und Migrant*innen ein. Im Jahr 2019 gründeten sie die Freiwilligenorganisation "Linea d'Ombra", die finanzielle Mittel zur Unterstützung von Schutzsuchenden sammelt. Bei der Ankunft der Menschen an den Grenzen stellen sie ihnen Nahrung, Kleidung und medizinische Versorgung zur Verfügung. Außerdem reisen sie monatlich nach Bosnien, um dort Migrant*innen und Aktivist*innen vor Ort zu helfen.

Die Hafenstadt ist nur wenige Kilometer von der slowenischen Grenze entfernt und für viele Menschen auf der Flucht lediglich eine Etappe auf einem beschwerlichen Weg über die Balkanroute, die sie zu ihrem Zielort bringen soll. Während des COVID-19 Ausbruchs im letzten Jahr steckten viele Menschen in der Stadt fest, da die Grenzen nacheinander geschlossen wurden. Bis zu 200 Menschen befanden sich in der Stadt, die nach der langen Fluchtroute am Ende ihrer Kräfte waren, keine Unterkunft hatten und Hilfe benötigten. Organisationen wie "Linea d'Ombra" unterstützten die Menschen da, wo die Regierung untätig bleibt bzw. bewusst Unterstützung versagt.

In den letzten Monaten wurden zusätzlich die Grenzkontrollen intensiviert: die ankommenden Menschen wurden entweder direkt in Gewahrsam genommen, meist ohne jegliche Erklärung oder Informationen zu bekommen, oder illegal von der Grenzpolizei nach Slowenien zurückgeschoben. Dies verursacht eine Kettenreaktion, bei der die Pushbacks über Slowenien durch Kroatien zurück bis nach Bosnien und Herzegowina reichen, wo die Geflüchteten teilweise unter unmenschlichen Bedingungen ausharren müssen.

Italien streitet jedoch ab, dass es sich hierbei um illegale Pushbacks handelt.

Zu dem Zeitpunkt der Razzia kam eine iranisch-kurdische Familie bei Gian Andrea unter, der er half.

Gegen Gian Andrea Franchi läuft nun ein Ermittlungsverfahren, welches ihn der Beihilfe zur illegalen Einwanderung beschuldigt. Das durchsuchte Privathaus der beiden bildete ebenfalls die Zentrale des Vereins "Linea d'Ombra". Es wurden dabei private Telefone, Geschäftsbücher und etliche Materialien beschlagnahmt, die nun als Beweismaterialien behandelt werden.

Während die Europäischen Staaten systematisch die Rechte Schutzsuchender ignorieren und verletzen, verfolgen sie außerdem diejenigen, die nicht weg-, sondern hinschauen. Die Aktivist*innen Gian Andrea Franchi und Lorena Fornasir werden nun für ihre solidarische Hilfe kriminalisiert. Ihre Handlungen werden von der Regierung in der Öffentlichkeit diskreditiert und zur Zielscheibe polizeilicher Ermittlungstätigkeit gemacht.

Wir verurteilen das repressive Vorgehen des italienischen Staates und solidarisieren uns mit den Betroffenen. Wir fordern ein Ende der polizeilichen Verfolgung von Gian Andrea Franchi und Lorena Fornasir!

Am Samstag, den 6. März 2021, werden anlässlich dieses Falles europaweit Demonstrationen an mehreren europäischen Grenzen stattfinden, einschließlich der kroatisch-bosnischen und italienisch-französischen in Clavière, um die Öffnung der Grenzen sowie die Achtung der Rechte von Schutzsuchenden zu fordern.
Gleichzeitig wird es Proteste in zahlreichen italienischen Städten geben: Mailand, Triest, Lecco, Chiavenna, Vicenza, Bologna, Rom, Palermo, Catania, Syrakus, etc.

Eine Gruppe von Frauen, die sich in dem von Lorena Fornasir geförderten Manifest "Un Ponte di Corpi" wieder erkennen , werden mit ihren Körpern zwischen Bosnien und Triest eine symbolische Brücke bauen, um die Grenze zu überqueren. Damit positionieren sich sich gegen die ständige Gewalt und Pushbacks von Menschen an den Grenzen, die versuchen an ihren Zielort zu gelangen. Diese Veranstaltungen werden parallel in Athen, Marseille und auch in Berlin von uns, gemeinsam mit der Balkanbrücke, solidarisch durchgeführt.

Die Forderungen sind:

  • NEIN zur Gewalt der Ablehnung
  • NEIN zu Rassismus und Diskriminierung
  • JA zu dem jedem Körper innewohnenden Recht, sich frei bewegen und dorthin gehen zu können, wo sie*er glaubt ein würdiges Leben führen zu können


Hier finden Sie einen Beitrag von Oktober 2020 in dem die beiden ihre Arbeit und Motivation vorstellen, bevor sie dafür kriminalisiert und strafrechtlich verfolgt wurden.




Montag, 26.07.2021


Quellen und weiterführende Informationen:
- Spendenkampagne für Lorena Fornasir und Gian Andrea Franchi
- https://www.msf.org/abandoned-italys-borders-stories-people-move
- https://www.borderline-europe.de/sites/default/files/background/UN%20PON...
- https://www.borderviolence.eu/news-from-trieste-covid-19-and-pushbacks/
- https://www.frontlinedefenders.org/en/case/migrant-rights-defenders-lore...