The Valley

Film und Diskussion: Kriminalisierung von Migration & Solidarität in Frankreich

Das so genannte "Roya Tal", das zwischen Südfrankreich und Norditalien liegt, ist Durchgangsroute für zahlreiche Migrant*innen und Geflüchtete, die von Italien nach Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder wo anders hin weiterreisen möchten. Aufgrund exzessiver staatlicher Gewalt und Repression auf der einen, und einer Welle von Solidarität auf der anderen Seite, geriet das Tal in den letzten Jahren vermehrt in die Schlagzeilen.


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Auf französischer Seite ist die Situation vor Ort von einer immensen Polizei- und Militärpräsenz gekennzeichnet. Die Ein- und Durchreise von Migrant*innen und Geflüchteten soll um jeden Preis verhindert werden, immer wieder werden illegale Rückschiebungen und zahlreiche andere Rechtsverstöße durch die französischen Behörden bekannt. Der Staat überwacht das Roya-Tal mit Nachtsichtgeräten und Drohnen. Durch stetig zunehmende Kontrollen weichen die Menschen auf immer höhere Berge und gefährlichere Routen aus, um nach Frankreich zu kommen. Wenn Schnee fällt, sind viele dieser Routen lebensbedrohlich.

Angesichts dieser Situation entstand im Laufe der letzten Jahre eine immense Solidaritätsbewegung unter den Bewohner*innen des Roya-Tals, die ihrerseits wiederum für viel Aufmerksamkeit sorgte. Die Bewohner*innen bieten den Vorüberziehenden Unterkunft und Verpflegung an, unterstützen sie bei Behördengängen, kümmern sich um juristischer Beratung und setzten sich damit dafür ein, dass deren elementare Rechte in Frankreich gewahrt werden. Erst durch die Unterstützung, die von den Menschen im Roya-Tal organisiert wird, kommen die Menschen dort zu ihrem Recht.

Je mehr sich die Bürger*innen einsetzen und somit die eigentlichen Aufgaben des Staates übernehmen, desto mehr geraten jedoch auch sie in den Fokus staatlicher Repression: Straßensperren, nächtliche Razzien, Festnahmen und Gerichtsverfahren sind inzwischen an der Tagesordnung.

Der 2019 erschienene Dokumentarfilm "The Valley" thematisiert diese Eskalation staatlicher Gewalt und Rechtsverletzungen gegenüber Migrant*innen und Geflüchteten und derer, die sich für die Einhaltung der Rechte jener einsetzen. Am Montag, den 04.11.2019, organisierte borderline-europe ein Screening des Filmes in Anwesenheit des Regisseurs Nuno Escudeiro sowie des Filmprotagonisten Chamberlain Nyedri, der selbst über das Roya-Tal nach Frankreich gelangte und dort ein Jahr verbrachte.

In der anschließenden Diskussion schilderte Chamberlain Nyedri seine Erfahrungen im Roya-Tal, welche von zwei Extremen geprägt waren: Auf der einen Seite war er schockiert davon, wie weit das Bild, das Europa von sich als Leuchtturm der Menschenrechte nach außen transportiere und der Realität vor Ort auseinander klaffe. Auf der anderen Seite machten die Menschen im Roya Tal und der Respekt, mit dem diese ihm begegneten, ihm Mut für seine weitere Reise. Die Unterstützung, die er dort erfuhr, war der Grund, warum er sich entschied, dort einen Zwischenstopp einzulegen und nach einer jahrelangen Fluchtgeschichte für ein paar Monate Kraft zu tanken.

Nuno Escudeiro erklärte, wie er sich mit dem Film um einen Perspektivwechsel bemüht hatte, nämlich die Handlungen des Staates in den Vordergrund zu stellen. Denn während der dominante Narrativ oft die Frage behandelt, inwiefern Menschen für solidarische Taten überhaupt kriminalisiert werden dürfen oder sollten, wird die eigentliche Ursache dessen, warum sich diese Menschen überhaupt erst in dieser Situation befinden, außer Acht gelassen. Die Bewohner*innen des Roya-Tals schaffen seiner Meinung nach genau dies: Anstatt in einer defensiven Position zu verharren, rücken sie das tatsächliche Problem in den Fokus: die rechtswidrigen Handlungen und Repressionen durch den französischen Staat gegenüber Geflüchteten und denen, die sich für die Einhaltung ihrer Rechte einsetzen.

"Dass es wir sind, die hier vor Gericht stehen, ist absurd. Unser Handlungen sorgen dafür, dass französisches Recht, das ansonsten gebrochen würde, eingehalten wird, nicht umgekehrt."


Weiterführende Links:

Frankreich: Cedrich Herrou erneut festgenommen
https://www.borderline-europe.de/unsere-arbeit/frankreich-c%C3%A9dric-herrou-erneut-festgenommen

Panel Discussion: Criminalization of Solidarity
https://www.borderline-europe.de/unsere-arbeit/panel-discussion-criminalization-solidarity

Criminalisation of Solidarity in France: A General Overview
https://www.borderline-europe.de/sites/default/files/readingtips/Criminalisation%20of%20Solidarity%20in%20France.pdf

Criminalization of flight and escape aid
https://www.borderline-europe.de/sites/default/files/readingtips/Kidem%20final%20report%2005_2017.pdf