Flight(routes) from Syria - Can you arrive in Germany?

Am 30. August 2018 haben wir den Film „Flucht aus Syrien“ von und mit Ahmad Alzoubi in Berlin gezeigt. Im anschließenden Podiums- und Publikumsgespräch erzählte uns der Filmemacher mehr über die Hintergründe seiner Dokumentation.


Borderline-europe: Vielen Dank für den Film und dass Du diese sehr persönlichen und berührenden Bilder mit uns geteilt hast. Wie bist Du auf die Idee gekommen diesen Film zu machen?

Ahmad: Zuerst habe ich nicht geplant diesen Film zu produzieren. Die Idee ist mir hier in Bremen, in Deutschland gekommen. Ursprünglich habe ich alle Aufnahmen nur für mich gemacht, zur Erinnerung, und nicht für eine Dokumentation. Sie waren nur als private Videos und Fotos gedacht. In Bremen habe ich von einem Fotografen die Kontaktdaten vom Kulturzentrum Schlachthof Bremen erhalten. Dort habe ich Hilfe dabei bekommen, den Film zu schneiden.

Borderline-europe: Was möchtest du mit deinem Film erreichen?

Ahmad: Mit dem Film möchte ich unsere Geschichte als Flüchtlinge erzählen, damit die Leute unsere Bewegungsgründe besser verstehen können. Es ist zwar klar, warum die Leute fliehen und dass es Krieg in Syrien gibt, aber eine persönliche Perspektive, die berührt und es den Menschen ermöglicht, Flüchtlinge besser zu verstehen und ihnen näher zu kommen, fehlt oft. In dem Film geht es um Syrer, aber natürlich hat jeder Flüchtling eigene Gründe, sein Land zu verlassen. Mein Hauptinteresse lag darin zu zeigen, dass wir gezwungen waren zu fliehen und dass es keine einfache Entscheidung war. Der Film zeigt nicht alles, was in Syrien passiert. Es ist noch viel schlimmer und es gibt noch viel schlimmere Videos und Geschichten als meine. Es war mir wichtig, einen Einblick zu geben.

Borderline-europe: Möchtest du uns etwas erzählen, was im Film nicht vorgekommen ist?

Ahmad: Ja, wie gesagt, der Film kann nicht alles zeigen. Unsere Flucht hat zwei 2 Monate gedauert. Andere haben sehr viel länger gebraucht. Das hängt stark davon ab, wie die Situation zwischen den verschiedenen europäischen Ländern ist. Außerdem war es gefährlich, mit den Schmugglern zu verhandeln. Der erste Teil des Films zeigt nicht alles, was passiert ist, denn man konnte nicht alles aufnehmen.

Borderline-europe: Der erste Teil des Films zeigt Syrien und vor allem euer Leben in Tafas während des Krieges. Auch wenn das nicht der Fokus des heutigen Abends ist, würde ich dich gern nach deiner Einschätzung zu Syrien fragen. Wie sieht es aktuell aus, welche Perspektiven gibt es für das Land? Am Ende des Films sagst du, dass Du gern wieder zurück gehen möchtest, sobald das möglich ist. Was ist deine persönlichen Perspektive?

Ahmad: Aktuell ist es in meiner Stadt zu einer Vereinbarung zwischen den russischen Streitkräften und den Rebellen gekommen. Die Rebellen haben fast aufgegeben, sie haben auch ihre Waffen abgegeben und es soll jetzt einen Waffenstillstand geben. Die Situation ist ein bisschen ruhiger geworden, aber ich weiß nicht, ob es besser wird. Hoffentlich ja. Das Problem ist, dass Assad mit seinem Militär und russischer und iranischer Unterstützung weiterhin die Macht innehat. Damit bleibt der Diktator an der Macht. Damit wird es in Syrien vielleicht ein bisschen Sicherheit geben, aber auf keinen Fall Freiheit. Und das ist unser Problem als Flüchtlinge in Deutschland. Es gibt zwar weniger Angriffe, aber der Diktator ist immer noch da. Deswegen ist das keine Motivation wieder zurück zu gehen, egal ob es ein bisschen mehr Sicherheit gibt. Wenn ich wieder dahin gehe und wieder zum Militärdienst gezwungen werde, dann lohnt es sich nicht zurück zu gehen. Deswegen sagen wir jetzt als Flüchtlinge: solange dieses Regime, dieser Diktator die Macht innehält, gehen wir nie wieder zurück.

Borderline-europe: Seit du Syrien Ende 2015 verlassen hast, ist die Anzahl an Ankünften stark gesunken, nicht nur in der Ägäis sondern in Europa allgemein. Auch wenn es nicht möglich ist, Grenzen vollständig zu kontrollieren und es klandestine Migration immer geben wird. Die Europäische Union scheint nach dem langen Sommer der Migration wieder mehr Kontrolle über ihre Grenzen zu haben, zu einem hohen Preis. Dennoch ist das Thema weiterhin medial präsent und wird genutzt um politisch Stimmung gegen Flüchtende zu machen. Wie nimmst Du diese mediale Repräsentation wahr?

Ahmad: Ja, ich kann keine genaue Antwort darauf geben, weil ich im Bereich der europäischen Politik und den spezifischen Abläufen nicht beschäftigt bin. Man hat immer allgemeine Informationen. Natürlich ist es schlimm, alles was mit Flucht, Flüchtlingen, Migration oder Grenzen zusammenhängt, auszunutzen. Europäische Länder, die Türkei oder andere Länder, nutzen Grenzpolitik, um ihre Interessen durchzusetzen und am Ende ertrinken Menschen im Meer oder müssen unter sehr schwierigen Bedingungen leben.

Borderline-europe: Der Film endet mit deiner Ankunft in Deutschland. Wie ist es danach für dich weitergegangen?

Ahmad: Im Oktober 2015 sind wir in Deutschland angekommen, erst wurden wir in einer Asylunterkunft aufgenommen. 6 Monate lang haben wir in einer Turnhalle gewohnt. Danach haben wir zum Glück eine Wohnung gefunden, obwohl es in Bremen schwierig ist. Dann haben wir mit dem Integrationskurs begonnen, den ich bis B1 Niveau gemacht habe. Von der Universität Bremen habe ich ein Stipendium bekommen, um den Deutschkurs bis C1 Level weiterzuführen. Und jetzt studiere ich Maschinenbau an der Hochschule Bremen. Die Situation wird hoffentlich besser. Ich meine, jetzt habe ich einen Studienplatz und bin als Student anerkannt und gar nicht mehr beim Jobcenter. Die erste Zeit war ein bisschen schlimm, weil man viele Schwierigkeiten mit der Bürokratie hat und lange warten musste. In dieser Zeit darf man nichts machen oder es fehlen einem die Sprachkenntnisse es zu tun. Viele in meinem Freundeskreis haben Ausbildungsplätze oder eine Vollzeitarbeit gefunden, aber bei den Studienplätzen wurden oft die Zertifikate nicht anerkannt.

Borderline-europe: Was hast du vorher in Syrien gemacht?

Ahmad: In Syrien habe ich mein Abitur gemacht im Jahr 2015 und ich hatte eine Zulassung von der Universität in Damaskus bekommen, auch für Maschinenbau. Aber ich konnte nicht nach Damaskus fahren wegen des Krieges.

Borderline-europe: Im Publikumsgespräch wurde erwähnt, dass von Syrern erwartet wird, zur syrischen Botschaft in Berlin zu gehen, um sich Pässe oder Dokumente zu besorgen. Wie stehst du dazu?

Ahmad: Ja, das finde ich besonders schlimm. Es ist nicht ganz logisch. Wenn man hier einen Asyl- oder Flüchtlingsstatus erhält, dann steht auf meinem blauen Reisepass, dass ich in alle Länder der Welt reisen darf, außer nach Syrien. Und dann werden von mir beispielsweise Unterlagen benötigt, die ich nur von syrischen Behörden bekommen kann. Das ist nicht möglich. Ich darf nicht nach Syrien reisen und das will ich auch nicht, aber warum benötigt die Behörde dann von mir Unterlagen, die ich nur von syrischen Behörden bekommen kann? Ich bin wegen dieser Behörden und diesem Regime geflohen. Ich finde es wirklich schlimm, weil ich dazu gezwungen werde, zu der syrischen Botschaft zu fahren.

Borderline-europe: Politisch wird häufig die Rolle von Schmugglern und Fluchthelfer*innen thematisiert. Habt ihr die Schmuggler eher als bedrohlich oder unterstützend wahrgenommen?

Ahmad: Also von uns wurden sie weder als Kriminelle noch als Hilfsleute wahrgenommen. Ich meine, wir wussten, dass diese Leute unterschiedlich sind und es gab ein paar Schmuggler, die nett waren. Die meisten waren allerdings gar nicht höflich und von uns wurden sie niemals als Hilfsleute oder als Helfer*innen wahrgenommen. Sie arbeiten, um Geld zu verdienen. Nachdem sie ihr Geld in der Tasche hatten, ist ihnen scheißegal, was mit den Flüchtlingen weiter passiert. Deswegen war es immer gefährlich mit ihnen zu verhandeln oder ihnen zu vertrauen. Es war eine große Herausforderung für uns, dass wir diesen Schmugglern glauben mussten. Aber man hatte keine Wahl. Wir sind immer illegal weitergereist und wenn man illegal ist, dann muss man immer machen, was die Schmuggler sagen. Sie kennen sich besser damit aus und wenn wir das nicht machen, bleiben wir am gleichen Ort. Wir können nicht weiterkommen, deswegen waren sie schon sehr gefährlich, aber man musste ihnen vertrauen. Obwohl viele Menschen sehr schlimme Erlebnisse hatten mit Schmugglern, viele wurden betrogen. Meine Cousine beispielsweise wurde mit dem Boot zu einer türkischen Insel geleitet, dann mussten sie zurück nach Izmir fahren und es nochmal versuchen. Das Geld bekommt man nicht zurück. Das ist schon gefährlich, aber man hatte keine anderen Möglichkeiten.

Borderline-europe: Hauptsächlich auch weil ihr zu diesem Zeitpunkt keine legalen Möglichkeiten hattet auszureisen. Oder hätte es für euch legale Ausreisewege gegeben?

Ahmad: Genau, das meine ich. Wir waren immer illegal unterwegs von unserer Stadt bis Deutschland und bis nach Bremen. Wie gesagt, in Syrien konnten wir nicht zur syrischen Behörde gehen, weil wir in einem Gebiet unter Rebellenkontrolle lebten und die Behörden sind unter Assads Kontrolle. Wir hätten Schwierigkeiten mit dem Regime bekommen, wenn wir dahin gefahren wären. Wir wären festgenommen oder verhaftet worden. Außerdem können Syrer nicht einfach ein Visum nach Europa oder nach Deutschland bekommen. Nur wenige Leute erhalten eins und deswegen mussten wir ohne Visum reisen.
Was die Fluchtroute betrifft, war der Weg über die Türkei die einzige Möglichkeit. Jordanien liegt zwar nur 15 Minuten mit dem Auto entfernt von unserem zu Hause in Syrien, aber die jordanische Grenze zu überqueren war lebensgefährlich. Das war noch viel schlimmer als die türkische Grenze zu überqueren. Ich meine, es war auch schwierig in die Türkei zu reisen, aber irgendwie kriegt man das hin, nach Jordanien würde man es niemals schaffen. Genau deswegen mussten wir durch die Wüste fahren, um zur Türkei zu gelangen. Um in den Libanon zu kommen, muss man durch Damaskus fahren und das wäre wegen des Regimes und Militärs nicht möglich gewesen.

Borderline-europe: Zum Glück konntest du zusammen mit deiner Familie reisen. Für viele Familien war das leider nicht möglich. Seit dem Sommer 2018 sind subsidiär Schutzberechtigten durch den auf 1000 Menschen pro Monat begrenzten Familiennachzug zusätzliche Hindernisse gestellt. Wie stehst du dazu?

Ahmad: Viele hatten die Hoffnung darauf, dass sie, wenn sie fliehen oder hier in Deutschland ankommen, ihre Familie nachholen können. Mit den neuen Gesetzen wird dies sehr schwierig für die meisten. Die Reise kostet viel Geld und die Finanzierung ist eine der größten Herausforderungen für alle. Deswegen wurde in vielen Fällen entschieden, dass nur der Mann flieht ohne die Kinder, ohne die Familie, ohne seine Frau, um später die Familie nachzuholen. Dann haben sie genügend Geld, damit der Mann reisen kann und die Familie muss nicht diesen schweren Weg auf sich nehmen. Aber wenn man in Deutschland keinen Flüchtlingsstatus erhält, sondern nur den subsidiären Schutz, hat man geringe Chancen, seine Familie nachzuholen. Ich kenne Leute, die das erlebt haben. Sie sind auch aus Syrien und gehen jetzt wieder in die Türkei oder den Libanon zurück. Weil das nicht mehr möglich ist, was kann er hier weiter machen? Arbeiten und Geld verdienen kann man nicht, wenn man nur einen begrenzten Aufenthaltsstatus hat. In ein oder zwei Jahren schafft man es nicht die Sprache zu lernen und seine Zertifikate anerkennen zu lassen. Die neuen Gesetze und Beschränkungen sind eine der schlimmsten Sachen für die Leute, die jetzt Familiennachzug beantragen möchten.

Borderline-europe: Leider geht die Einschränkung des Familiennachzugs einher mit einem gesellschaftlichen und politischen Stimmungswechsel. Deswegen zum Schluss meine Frage: Was können wir gegen den Rechtsruck oder die Instrumentalisierung von den Themen Flucht und Migration zur Stimmungsmache tun? Wo setzt du da selbst an?

Ahmad: Das ist eine sehr große Herausforderung. Das ist sehr schwierig für alle. Ich meine die Leute, die im Bereich der Sozialarbeit arbeiten oder die anderweitig mit dem Thema Flucht und Migration zu tun haben. Auch für uns Flüchtlinge ist es schwierig, damit klar zu kommen. Es ist nicht leicht, etwas mit einem großen Einfluss auf die Gesellschaft zu machen oder die Leute, die ausländerfeindliche Ideen vertreten, umzustimmen. Man kann Schritt für Schritt probieren zu erklären, worum es geht. Das war auch das Hauptinteresse meines Films. Zu zeigen, wie das alles läuft, warum die Leute hierherkommen und was sie hier machen. Es hilft, das mittels Veranstaltungen zu erklären oder indem man mehr in den Bereichen Politik und Medien aktiv ist. Außerdem kann man mehr über die Vorteile von Migration reden und mehr Erfolgsgeschichten veröffentlichen. Die Medien fokussieren sich zu sehr auf die schlimmen Geschichten. Beispielsweise sind wir in meiner Klasse im Bachelor Maschinenbau sieben Leute aus Syrien von 40 oder 50 Student*innen. Wir sind alle Flüchtlinge und in Bremen wissen nicht alle Bremer*innen, dass es so viel Erfolg von Flüchtlingen gibt. Aber wenn einer von uns etwas Schlimmes tut, dann wissen alle Bremer*innen hier in Bremen Bescheid. Es ist kein Problem schlechte Dinge zu berichten in den Medien, aber sich nur darauf zu fokussieren ist problematisch. Leider machen das einige deutsche Medien. Man sollte mehr über die positiven Sachen berichten und erzählen. Die Neuankömmlinge, die seit 3 Jahren hier sind, kenne ich nicht alle, aber so viele aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind Student*innen, Auszubildende oder arbeiten und das wissen nicht alle. Demonstrationen sind auch eine Möglichkeit, aber haben nicht den gleichen Einfluss. Es ist generell wichtig, dem allgemeinen Eindruck aus den Medien etwas entgegen zu stellen. Diese Erfahrung habe ich auch mit meinem Film gemacht. Nach dem Film sind Leute zu mir gekommen und haben gesagt: „Ahmad das wussten wir gar nicht“ oder sie hatten vorher ganz andere Vorstellungen. Es kam ein Mädchen zu mir, das bisher kaum Kontakt zu Ausländern oder Flüchtlingen hatte und sie sagte, dass sich ihr Bild durch meinen Film und mich geändert hat. Manche Menschen hatten vorher einfach noch kaum Kontakt. Der Kontakt ist besonders wichtig, denn sonst hat man nur Ideen im Kopf ohne Erfahrung.

 

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