UNO-Schätzung: 36.000 Tote allein im Jahr 2008
"Im letzten Jahr hat die spanische Einwanderungs- behörde 54 827 Flüchtlinge registriert. Nach UNO- Schätzungen erreichen 60 Prozent der Flüchtigen aus Afrika die europäische Südgrenze. Im tobenden Ozean sind demnach im Jahr 2008 mindestens 36 000 Afrikanerinnen und Afrikaner ertrunken." - Das schreibt Jean Ziegler, Professor für Soziologie und Berater des UN-Menschenrechtsausschusses, in einem Artikel für die Gewerkschaftszeitung WORK.
Der Tod im Meer
18.06.2009
Der Himmel ist stahlblau. Zwischen den dürren Sträuchern schimmert gelb der sandige Boden. Die Temperatur an diesem Morgen Ende Mai am Ufer des Flusses Senegal steht bei 45 Grad Celsius. Wie ein riesiges Binnenmeer, fünfzehn Kilometer breit, öffnet sich der Senegal, der aus den fernen Bergen von Guinea kommt, zum Südatlantik hin. Auf zwei Inseln in der Flussmündung liegt Saint- Louis, eine wunderschöne historische Stadt mit 100000 Bewohnerinnen und Bewohnern.
NORMALE ZEITEN? Bevor mein hektischer Uno-Tag beginnt, spaziere ich zum Fischereihafen der Südinsel. Dicht gedrängt, farbig bemalt, liegen Hunderte von «Pirogues» am Kai, etwa zwanzig Meter lange Holzkähne mit zwei starken Aussenbordmotoren. Dies sind die Fischerboote der Einheimischen. Sie bieten Bergen von Netzen, fünfzehn Fischern und Kisten voller Salz Platz. In normalen Zeiten lebt die Stadt von der Fischerei. Aber die Zeiten sind nicht mehr normal.
Der französische Schriftsteller Alphonse Allais schrieb: «Wenn die Reichen abmagern, sterben die Armen.» Die von den Börsenhalunken verursachte weltweite Finanzkatastrophe trifft Senegal hart. Die Regierung hat die Fischereirechte in den Territorialgewässern an spanische, japanische und französische Konzerne verkauft. Deren Industrieschiffe – sie verarbeiten ihren Fang bereits auf See zu Konserven – haben die lokale Fischerei verwüstet.
Trotzdem gehen jede Nacht zehn, zwanzig, dreissig Ficherboote zur See. Überladen mit bis zu 200 unterernährten Bauern und Tagelöhnern, mit Männern, Frauen, manchmal auch Kindern. Getrieben von total irrationaler Hoffnung, wagen sich die Menschen auf die Todesroute: 2000 Kilometer über den Südatlantik, von Saint-Louis bis zu den Kanarischen Inseln. Im vergangenen Jahr hat die spanische Einwanderungsbehörde 54 827 Flüchtlinge registriert. Nach Uno-Schätzungen erreichen 60 Prozent der Flüchtigen aus Afrika die europäische Südgrenze. Im tobenden Ozean sind demnach im vergangenen Jahr mindestens 36 000 Afrikanerinnen und Afrikaner ertrunken.
DER SKANDAL. Die Europäische Union versucht mit allen militärischen Mitteln, diese Elendskähne an der Landung in Europa zu hindern. Afrikaner, die trotzdem die Kanarischen Inseln erreichen, haben eine einzige Hoffnung: Sie weigern sich, ihr Heimatland preiszugeben. So können sie nicht einfach zurückgeschickt werden und bleiben in der Festung Europa, wenn auch mit ganz unsicherem Status.
Der Skandal, den keiner sehen will: Die Europäische Union überschwemmt die westafrikanischen Märkte mit hochsubventionierten Billigstprodukten (Gemüse, Geflügel, Früchte). Dieses Agrardumping ruiniert die afrikanischen Bauern. Darum versuchen ihre Söhne und Töchter über das Meer zu fliehen. Ihr Traum: Arbeit zu finden und Geld nach Hause zu schicken. Doch dieser Traum ist meist ein Albtraum. Statt Geld kommt der Tod.
Jean Ziegler ist Mitglied des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates, alt SP-Nationalrat, Professor für Soziologie an der Universität Genf und Autor.
work, 18.06.2009
Weiterführende Informationen: