Heute morgen im Morgengrauen läuft das erste Schiff der italienischen Marine mit etwa 20 Flüchtlingen, die vom türkischen Containerschiff PINAR E vor 4 Tagen im Kanal von Sizilien gerettet wurden, in den sizilianischen Hafen Porto Empedocle ein. Die Korvette Danaide folgt gegen kurz nach halb elf vormittags mit den restlichen Flüchtlingen. Der Himmel ist grau, ein ungemüt- licher Wind weht, als das Schiff langsam auf die Mole zuhält. Es vergeht eine geraume Zeit mit Anlegemanövern und Vorbereitungen, bis dann endlich die ersten Flüchtlinge das Schiff verlassen können. Ein unglaubliches Aufgebot an Polizei, Carabinieri an Land und im Hafenbecken haben sich an der Danaide eingefunden. Und dann sieht man sie, zusammen gekauert am Heck des Schiffes sitzen die Flüchtlinge, fast alle mit weißen Hand- tüchern gegen die Kälte um den Kopf gewickelt. Um sie herum Militärs in voller Kampfmontur. Kranken- wagen fahren an die Mole heran.
Am gestrigen Abend hat die römische Regierung nun endlich beschlossen, das Tauziehen um die Kompetenzen zu beenden und die Flüchtlinge in Italien aufzunehmen. Außenminister Frattini betont, dass er nicht nachgebe und Malta sehr wohl weiter für zuständig halte, aber aus Gründen der Humanität müsse man nun eine Entscheidung treffen. Getroffen wurde diese nach Aussagen eines auf der PINAR anwesenden Journalisten aber eher, weil es Journalisten an Bord der PINAR gab! Sie hatten sich den Aufenthalt an Bord etwas unfreiwillig mit einer Havarie ihres Schlauchbootes erkämpft,. Die Marine will sie nicht an Bord lassen, doch bei mehr als 3 Meter hohen Wellen laufen sie in Gefahr, selber über Bord zu gehen und schließlich gibt auch noch der Motor auf, so dass Kapitän Tuygun nun auch die Journalisten retten muss. Sie sehen, was sich wirklich auf der PINAR abspielt. Die Aussagen, es würde den Flüchtlingen gesundheitlich gut gehen, bestätigen sie nicht. Als diese Meldung öffentlich wird, sieht sich die Regierung gezwungen zu handeln, sie schickt weitere Ärzte einer Nichteregierungsorganisation. Am Sonntag nachmittag entscheidet sie schließlich, dass ca. 20 Flüchtlinge nach Lampedusa gebracht werden, angeblich alles Kranke, die anderen werden auf die Marineschiffe umgebootet und nach Porto Empedocle gefahren. Die PINAR darf nun ihrer Wege ziehen.
In Porto Empedocle beginnen die Flüchtlinge, die Danaide zu verlassen. Als erstes wird ein Flüchtlinge auf einer Trage sofort zum Krankenwagen transportiert, die Decke bis in die Stirn gezogen könnte man meinen, er lebte nicht mehr. Dann kommen die Frauen, circa 35. Viele von ihnen können nicht richtig laufen, allen stehen die Strapazen ins Gesicht geschrieben. Einige zittern, keine reagiert wirklich auf die Menschenmenge um sie herum. Manche müssen von den zum Teil außerordentlich hilfsbereiten und freundlichen Militärs förmlich getragen werden, zwei Frauen werden mit dem Krankenwagen abtransportiert. Dann folgen die Männer, ungefähr doppelt so viele wie die Frauen, in einem etwas besseren Zustand, aber auch hier sind viele sehr erschöpft und wirken verängstigt. Nur ein einziger winkt, als er die Danaide verlässt.
Über 100 SchwarzafrikanerInnen haben die Danaide verlassen, es sollen Liberianer, Ghanaer, Nigerianer und Flüchtlinge vom Horn von Afrika sein – doch wo sind die Nordafrikaner, von denen man in den letzten Tagen auch sprach? Einer der italienischen Journalisten bestätigt uns, dass alle Nordafrikaner, wahrscheinlich Tunesier, von der PINAR nach Lampedusa gebracht worden sind, nur einige von ihnen tatsächlich krank. Doch man muss davon ausgehen, dass gerade die Nordafrikaner sofort in die Abschiebungshaft gebracht worden, ohne Chance auf einen Asylantrag, ohne Chance, gehört zu werden. Seit Innenminister Maroni versucht, alle TunesierInnen sofort wieder zurückzuschicken werden diese in Lampedusa bis zur Abschiebung inhaftiert (siehe dazu den Bericht „Lampedusa: eine Insel ohne Rechte“ auf www.borderline.de)
Die Flüchtlinge der PINAR haben es, bis auf die wenigen Nordafrikaner, geschafft. Doch niemand weiß, was sie nun erwartet. In Porto Empedocle bringt man sie erst einmal in ein großes Zelt direkt am Hafen, dass einmal Erdbebenopfern gedient hat, dort findet die Erstversorgung statt. Dann werden sie auf die Lager verteilt. Wie es dann weitergeht ist ungewiss. Werden sie Asylanträge stellen können? Werden sie eine Abschiebungsverfügung erhalten? Alle diese Männer und Frauen haben Schreckliches erlebt. Die Flucht durch die Wüste Libyens mit Vergewaltigungen und sonstigen Gewalterfahrungen. Die Überfahrt, die sie fast das Leben gekostet hätte. Die Rettung durch die PINAR, die nur für die 18-jährige Esceth Ekos aus Nigeria und ihr ungeborenes Kind tödlich endeten. 5 Tage lang mussten die anderen Flüchtlinge mit ansehen, wie Esceth in ihrem Boot starb und dann, dürftig unter einer Plane verborgen, auf der PINAR lag. Erst gestern hat die Marine endlich ein Einsehen und bringt die Leiche nach Lampedusa.
Das Tauziehen um die PINAR ist wieder einmal ein Zeichen der unmenschlichen und unwürdigen Flüchtlingspolitik. Wir können nur froh sein, dass es öffentlich geworden ist – denn ansonsten, muss befürchtet werden, läge die PINAR und ihre mutige Besatzung mit den Geretteten noch heute 20 Meilen vor Lampedusa.
Judith Gleitze
borderline-europe
Fotos des Ankommens in Porto Empedocle (erstes Schiff) von Flavio Lo Scalzo für ANSA:
http://www.ansa.it/opencms/export/site/notizie/rubriche/photostory/visualizza_new.html_935875678.html?1
Fotos von der PINAR aus La Repubblica:
http://www.repubblica.it/2006/05/gallerie/cronaca/pinar-sbarco/28.html